Lieben Sie mich?

von Carmen Engelhard

Irgendwelche sogenannten „Hänger“ gibt es in jeder Theatersaison in vielen Ausprägungen und bei allen Mitspielern immer wieder. Ein besonders unvergessliches „Hängererlebnis“ hatte ich jedoch bei dem Stück „Der Gockel“ mit Dieter Vonnieda, der meinen Liebhaber spielte. Wir hatten die Szene auf dem Sofa nicht nur zigmal geprobt, sondern bereits die Hälfte der Aufführungen erfolgreich hinter uns gebracht.

Und plötzlich liege ich da, mit ihm auf dem Sofa, beuge mich über ihn und spüre die Leere - Stille. Es bleibt still, wird stiller und war doch schon still. Aber halt, ich weiß genau, welcher Satz nun folgen soll. „Lieben Sie mich?“ lautet er! Da bin ich mir sicher! Aber es ist ja immer noch still! Dieters verkrampftes, schweißperlentropfendes Gesicht klebt an meiner zugekleisterten Wange und signalisiert absolut keine Bereitschaft zu sprechen. Immer noch Stille! Der Satz dröhnt in mir. Ich weiß, er stimmt! Warum in aller Welt sagt keiner was?

Nach ungefähr 15 Lichtjahre langen Sekunden hauche, presse ich so unbemerkt wie möglich in Dieters Ohr: „Lieben Sie mich?“, will ihn also endlich erlösen von der Pein und Qual des Vergessens. Doch da - ein seltsamer Blick erreicht mich und zwischen den Zähnen zischt er: „Dess iss doin Text!“ Innerlich am Platzen vor unterdrücktem Lachen mache ich mir endlich Luft, der Druck lässt nach, schließlich frage ich lautstark: „Lieben Sie mich?“ und Dieter darf mir seine langersehnte Antwort geben.

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