Der Holzwurm - Bemerkungen zum Vertiko

Im weithin bekannten Dörfchen Freimersheim, das in der Vorderpfalz zwischen Landau, Neustadt und Speyer (und auf der Landkarte meist gar nicht) zu finden ist, gibt es seit unvordenklichen Zeiten (seit 1977) eine Theatergruppe, die in jedem Frühjahr mit einem neuen Stück vor das geneigte Publikum tritt.

Nun gehört zu jedem Theaterstück neben Spielern und Regisseur auch ein Heer von Souffleusen, Friseusen, Maskenbildnerinnen, Bühnenarbeitern usw. Außerdem müssen eine Bühne mit Boden, Kulissen und Vorhang sowie Dekoration und Möbel vorhanden sein.

Möbel wurden zu jener Zeit bei ortsansässigen Bürgern entdeckt und zu Spielzwecken ausgeliehen, was nicht immer ohne Komplikationen abgehen konnte. Diese Geschichte handelt nun von einem Möbelstück, einem betagten Vertiko, das anno 1982 im Stück „Unter Geschäftsaufsicht“ bei oben genannter Theatergruppe seinen großen Auftritt hatte. Diesem Prachtexemplar fehlte der linke vordere Fuß, die Türen waren lose, die Säulchen wurmstichig und gebrochen, das Furnier teilweise stark beschädigt. Ansonsten war es aber in Ordnung. Die kleinen Mängel wurden wie folgt beseitigt: den Fuß ersetzte ein Holzklotz, die Türen wurden vernagelt, die Säulen geleimt. Das Furnier wurde belassen und durch eine große Blumenvase verdeckt.

Nun konnte die Premiere kommen!

Am Premierensamstag, 10 Minuten vor 8, der Saal bereits brechend voll, passierte es dann: ein unvorsichtiger Akteur und Bühnenarbeiter kam auf ungünstige Weise mit dem Vertiko in Berührung und machte die gesamte Mängelbeseitigung mit einem Schlag zunichte. Weltunter-gangsstimmung breitete sich unter den Regisseuren aus, neben einem leisen Schluchzen hörte man nur noch: „‘S ich hie, mer kinn’s Buch zumache.“ Aber die Spielleitung hatte nicht mit den fähigen Bühnenarbeitern/Spielern gerechnet. „Des fligge mer widder zamme!“ Mit Hammer, Nägeln und Leim ging es an die Arbeit. Während auf der Bühne bereits der erste Akt lief, wurde dahinter emsig „repariert“. In der Pause zum zweiten Akt wurde schließlich das beste Möbelstück aller Zeiten mit acht Mann vorsichtig auf die Bühne gebracht, wo es dann seinen großen Auftritt doch noch erleben durfte. Die Sorge, dass Erschütterungen durch Lachen und Klatschen des Publikums die Holzwürmer zum Verlassen ihrer Behausung und damit das Möbelstück zum erneuten Einsturz bringen könnte, erwies sich als unbegründet. Das Vertiko überstand auch noch die restlichen Aufführungen (Leim und Nägel hatten ganze Arbeit geleistet).

Dennoch konnte man bei der Feier, die üblicherweise auf die Aufführungen folgte, einige lästerliche Bemerkungen vernehmen: „Mid denne Holzwärm, wu do drin ehrn feschde Wohnsitz hänn, kinnschd a Gulasch fer die ganz Grupp mache!“ (Aus den Holzwürmern, die da drinnen ihren festen Wohnsitz haben, könnte man Gulasch für die ganze Gruppe machen!) „Mer muss uffbasse, dass die Wärm net uff die Biehn iwwersiedlen un se uns zammefressen!“ (Man muss aufpassen, dass die Würmer nicht auf die Bühne übersiedeln und sie kaputtmachen!) „Des Ding hot määner Holzwurmlecher wie unser Universum Schderne.“ (Dieses Ding hat mehr Holzwurmlöcher als unser Universum Sterne.)

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