Aus dem Tagebuch eines „Theatergatten“

von Andreas Engelhard

10. Oktober
Schade, die Zeit der schönen Feste ist vorbei. Das letzte Grillfest verstand sich bereits als Auftakt für die neue Theatersaison. „Es geht wieder los“ eröffnet mir meine bessere Hälfte und spricht damit von der eher schlechteren Hälfte des Jahres. Nämlich von Ende September bis Anfang Mai. Also wirklich nur ein schlappes halbes Jahr, in welchem sich in der „freien Freizeit“ einfach vieles ums Theater dreht. Jetzt höre ich wieder jeden Montag Morgen: „Bitte komm‘ heute pünktlich, du weißt, wo ich heute Abend hin will!“

28. November
Schon der 5. Montag, an dem ich pünktlich heimkomme, aber damit belohnt werde, dass sie nicht viel später abdampft und angeblich „gar nicht spät“ wiederkommt. Das ist dann 23:45 Uhr o.ä. – „Wir waren nur noch was trinken im Feuerwehrhaus!“ Und wer löscht meinen Durst?

17. Dezember
Seit sie weiß, welche Rolle sie spielt und ein Textheft besitzt, gibt es zwei markante Veränderungen: erstens liegt jetzt überall jenes besagte Textheft herum und besonders vom stillen Örtchen erklingt häufig unvermittelt schallendes Gelächter und zweitens steht sie gehäuft kritisch vor dem Spiegel und meint missbilligend, sie werde „wohl noch was tun müssen für die Rolle“. Im Textheft stehe nämlich „eine attraktive junge Frau mit imposanter Erscheinung tritt auf“. Ich habe mir sagen lassen „mit Schminke kann man alles machen“ und verstehe die Aufregung gar nicht.

31. Dezember
Neuerdings ist da, wo sonst das Textheft rumlag ein Wust von Schnipseln, Zeichnungen und Entwürfen zu finden. „Ich arbeite am Plakat und sammle Ideen:“ Und das bis spät in die Nacht. Na, ich hätte da aber auch so Ideen…

13. Januar
Schon zwei Sonntage gab es „Theaternachmittag“ statt family; einer davon war wenigstens ein netter Kaffeetreff mit dem Rest der Gruppe. Das sind die angenehmen Stunden als Mann einer Theaterfrau. Aber das mit den Sonntagsproben wird sich wiederholen, hieß es.

29. Januar
„Haushalt“ nehme ich heute mal ganz wörtlich: „Ich hause halt“ – schlimmer als bei Hempels sieht es bei uns aus, mein Hemdenvorrat ist aufgebraucht, aber sie liegt seelenruhig in der Wanne, murmelt Textpassagen vor sich hin, hat irgendwelche grünen Scheibchen im Gesicht. „Du, das ist eine echt wichtige Phase, wenn wir morgen proben, muss ich den Text endlich drauf haben, sonst können wir den zweiten Akt nicht laufen lassen.“
Ach, hätt ich SIE doch laufen lassen!

5. Februar
Nachdem dort, wo bisher unser Esstisch stand, seit 3 Tagen nur noch ein Meer aus Zeichnungen, Kopien, roten und schwarzen Stiften, Radiergummi inklusive Abrieb – die kleinen scheußlichen popelähnlichen Würstchen – zu sehen war, ist der Plakatentwurf endlich fertig und wir essen nicht mehr in der Küche.
Heute am Samstag musste sie mit „Reschissör“ Alfred in irgendeinen Second-hand-Laden, weil angeblich unter den 750 Kleidungsstücken im Fundus kein passendes dabei ist…
Und sowohl morgen als auch übermorgen ist schon wieder Probe! „Du, wir müssen jetzt dran bleiben, der dritte Akt steht immer noch nicht und Alfred steht schon das Panik-P auf der Stirn geschrieben, in 7 Wochen ist Premiere!“ Tja, da gabs doch mal den Spruch „In zwei Stunden ist Premiere, nur nicht die Nerven verlieren!“ Was sind da 7 Wochen, frage ich mich?

30. März
Na, dass jetzt auch noch an Mittwochabenden geprobt wird „ist gar nichts Neues, Schatz, das war schon früher so!“ meint sie.
Vorletzte Nacht hat sie im Schlaf ihren Text „geprobt“. Ich bin zwangsläufig davon aufgewacht, denn sie schrie: „Biest, Schwein, brutaler Hund, Saubesen!“ und dann bekam ich eine Ohrfeige! Was sagt man dazu? Ich hab mich morgens gefragt, ob es vielleicht gar kein Text aus dem Stück war…..?

12. März
Wir verbrachten den Samstagmorgen „gemütlich“ im Auto, mit dauernden Stops an Bäckereien und Metzgereien in ungefähr 13 verschiedenen Ortschaften, verbrauchten zwei Rollen Tesa und mehrere Hände voll Reißzwecken. Nun denn, die Plakate hängen! Früher gab es im Anschluss an die Aktion gemeinsame Spaghetti-Essen o.ä., hab ich mir erzählen lassen. Heute treffen sich die paar, die unterwegs sind nicht mehr, jeder fährt danach seiner Wege. Und ich würde auch gerne meiner Wege fahren…. Zu allem Übel gähnen mich seit gestern mehrere leere Wände im Haus an, da sie die Bilder abgehängt hat. Meine Nachttischlampe, die tunesische Lieblingsvase, mehrere Pflanzen und mein Seidenpyjama sind verschwunden und dies alles kommentiert sie mit den Worten: „Siehst du alles demnächst wieder auf der Bühne!“

27. März
Endspurt! Diese Woche war jeden Abend Probe, heute Generalprobe und morgen ist zum Glück endlich Premiere, sonst würde ich mal was proben, nämlich den Aufstand!
Jetzt werde ich 2/3 der Aufführungen den Babysitter spielen, auch eine tolle Rolle, buuäääääh!!!
Heute hat sie mich trotz meiner Abgebrühtheit nochmal kräftig geschockt, „oh shocking“ heißt das wohl im Fachjargon. Also jedenfalls frage ich arglos, wer der glückliche Besitzer des neuen Bademantels im Bad sein wird und höre: „Der ist für backstage, weißt du, damit ich nicht so friere zwischen den Szenen, wo ich nichts mehr anhaben darf!“ Jetzt kann man MIR auch bald nichts mehr anhaben! „weißt du, wir beim Theater sind da nicht so.“ meint sie mit nachlässiger Gebärde. Das sei ein Insiderspruch. Ich armer „Outsider“!

28. März
So, der Tag der Tage ist gekommen. Ich habe meine Göttergattin heute kaum gesehen. Sie war einkaufen, musste einen Salat fürs Premierenbuffet kreieren, ihre Klamotten richten, noch mal Textpassagen üben und seit 15:30 Uhr ist sie beim Frisör zum Haare aufrollen! Wozu braucht die noch Locken? „Um 18 Uhr muss ich in die Maske.“ Na, da haben die wohl alle Hände voll zu tun mit ihr, wenn sie so früh anfangen….
Gleicher Tag, 17 Uhr
Aha, eben habe ich sie mal wieder zu Gesicht bekommen, aber nur kurz, denn sie hat sich aufs Örtchen verdrückt und kommt wohl auch gar nicht mehr raus vor 17:45 Uhr, meint sie. Nennt man das Lampenfieber? Fiebrig sah sie jedenfalls nicht aus, das waren wohl eher hektische Flecken in ihrem Gesicht. Die Lockenwickler in rosa stehen ihr ausnehmend gut. Zum Heimfahren hat sie sie trotzdem mit einem Tuch umwickelt, weil die Leute auf der Straße sonst so „glotzen“ meint sie. Na, wir genieren uns doch sonst nicht so, denke ich.

20. April
Jetzt sind schon 3 Wochenenden vorbei! Ich weiß inzwischen warum, wann und mit wem sie halb nackt hinter der Bühne steht und bin froh, dass sie einen Bademantel hat. Ich weiß außerdem, für wieviel Mark man in der Pause Sekt verkaufen muss und wohin die gespülten Teller nach dem Essen gehören. Ich weiß überhaupt, wo sich was in der Hallenküche befindet. Ich weiß nun, warum die Proben des dritten Aktes so lange gedauert haben, bei dem Chaos, das da herrscht! Ich weiß, weshalb Locken, Gurken und Schminke ihre Berechtigung haben. ich weiß jetzt, warum sie auch in ihren Träumen vom Stück verfolgt wird. Ich weiß jetzt auch, dass unser van Gogh und meine Nachttischlampe wirklich fabelhaft zur Bühneneinrichtung passen und dass mein Pyjama eigentlich eine Nummer zu groß ist. Ich weiß, dass ich erleichtert bin, wenn ich in zwei Wochen samstags und sonntags nicht mehr allein zu Hause bleiben muss und sie mir spät nachts ihre restliche Schminke an die Backe schmiert sowie ihren haarsprayverklebten Wuschel auf ein Kopfkissen drückt. Ich weiß, dass ich mich auf die Abschlussfeier freue und auf das Spießbratenfest. Und ich weiß, dass ich mich trotz allem freue, wenn sie in einem schlappen halben Jahr meint: „Es geht wieder los!“

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